September 2014 - Lehrfahrt ins Allgäu

Der bayerische Landesverband der Landwirte im Nebenberuf unternahm heuer eine Lehrfahrt ins Allgäu. Herr Dr. Honisch vom Amt für Landwirtschaft in Immenstadt hat verschiedene Betriebe zur Besichtigung vorgeschlagen die der Landesvorsitzende Karl Fuchs im Vorfeld aufsuchte und auswählte.

Allgäuer Bergkäse ist ein Begriff. Nebenerwerbslandwirte aus ganz Bayern wollten genau wissen, wie die Bergbauern die Milch erzeugen, zu Käse verarbeiten und ihn vermarkten. Im Ost-Allgäu zwischen Marktoberdorf und Sonthofen haben sie einige Betriebe besichtigt. Und sie haben festgestellt: Nur Direktvermarktung lohnt sich wirklich.

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Berghof Babel

Der Berghof der Familie Babel

übertraf alle Erwartungen: Herrliche Lage (850 m) oberhalb der Gemeinde Wald, 55 ha (46 ha Grünland, 9 ha Ackerfutter),  mittendrin der Hof mit 65 Milchkühen (Allgäuer Braunvieh) plus Nachzucht, das Landhotel mit 100 Betten und traditionellem Wirtshaus, Urlaub auf dem Bauernhof. Nicht weit davon die neue „Walder Käseküche“ mit Schaukäserei, Hofladen mit Erlebnisgastronomie (80 Plätze) und Gasthausbrauerei - ein beliebtes Ausflugsziel. 25 Mitarbeiter betreuen Gäste und Kunden.

Herbert (53) und Monika (49) Babel bewirtschaften dieses vielseitige Unternehmen zusammen mit ihren drei Söhnen, die sich auf die verschiedenen Bereiche spezialisiert haben. Tobias (29) ist Landwirtschaftsmeister, Michael (27) Hotelfachmann und Koch und Simon (23) Molkereifachmann und Käsermeister. „Mit den drei Säulen des Berghofs, Gastronomie und Hotellerie, Landwirtschaft
sowie Käserei und Brauerei,  sind wir für die Zukunft gerüstet“, sagt Herbert Babel stolz.

Tobias Babel schilderte  Zahlen und Fakten rund um die Milchproduktion dieses bekannten Braunvieh-Zuchtbetriebes: So werde das Grünland vier- bis fünfmal genutzt, das Heu unter Dach nachgetrocknet. Die Wärme dafür sowie  für alle Betriebszweige liefere die Hackschnitzelheizung. Das Milchvieh werde im Hinblick auf das Käsen „silagefrei“ gefüttert. Das Melken erledige ein Melkroboter. Der Stalldurchschnitt liege bei 9.200 l mit 4,2 Prozent und 3,8 Prozent Eiweiß.

„Rund 90 Prozent unserer Milch verarbeiten wir zu Käse, das sind jeden Tag etwa 150 kg“, sagte Käsermeister Simon Babel. Bergkäse, Waldtaler (ein Emmentaler), Raclette und Romadur. „Der Verkauf des Käses an den Großhandel ist uninteressant.
Nur Direktvermarktung lohnt sich. 40 Prozent der  Erzeugung verkaufen wir im Hofladen. Der zweitbeste Kunde ist unser Hotel Berghof“.

Der übrige Teil des Käses werde nach Bestellung per Internet verschickt und an Dorfläden  wie „Nahkauf“ in der Umgebung geliefert. Im Hofladen gibt es auch eigene Butter, eigenen Joghurt, die „Heu-Milch“ und Bier. Weiter Rindfleisch und verschiedene Wurstsorten aus Rindfleisch, die ein Metzger aus der Umgebung zubereitet. Demnächst soll es auch Schweinefleisch geben. Ein Maststall für die Borstentiere ist bereits geplant. Sie sollen die Molke verwerten.

Hier wird überall konsequent geplant und investiert. Zu dieser Überzeugung kommt man beim  Rundgang durch den Betrieb vom Kuhstall über Heutrocknung und Scheune. zum Hofladen im massiven Holzbau der Käseküche, „Hier wurde überall geklotzt und nicht gekleckert“, war die Meinung der Nebenerwerbslandwirte. Sogar der Streichelzoo für die Kinder ist professionell angelegt. Die Besucher waren angetan von der  „Gläsernen Produktion“, auf die Babels besonderen Wert legen. Das komme bei den Hotelgästen und Kunden gut an. „Denn“, so kommentiert Senior Herbert Babel, „bei uns kann jeder den Weg vom Gras auf der Wiese bis zum Essen auf den Teller live verfolgen“.

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Einkehr auf der Senn-Alpe „Gerstenbrändle“.

Hans Endreß (Alpe Gerstenbrändle) erklärt seinen Betrieb

Einen ganz anderen Eindruck vom Käseland Allgäu bekommt man bei Hans (64) und Eva (55) Endreß. Sie bewirtschaften neben ihrem Hof in Gunzesried bei Sonthofen  die 3,5 km entfernt liegende Senn-Alpe „Gerstenbrändle  in  1000 Meter Höhe, mit 2200 mm durchschnittlichem Jahresniederschlag und einer Durchschnittstemperatur von 8,6 Grad. „Hierher ziehen wir jedes Jahr für sechs Monate von Anfang Mai bis Ende Oktober“, erzählt der Betriebsleiter. „Dann gehen wir mit dem Vieh wieder zurück auf den Hof“.

Die Alpe liegt am Fernwanderweg Bodensee-Adria. Sie wird auch bei Tagestouren gern aufgesucht,  ist gut mit dem Auto zu erreichen und damit ein beliebtes Ausflugsziel. Die Aussicht auf den Grünten (1738 m), den Hausberg der Kemptener, ist besonders schön. Das haben Hans und Eva Endreß erkannt und 1992 kräftig investiert.
Sie haben die Bewirtschaftung der Alpe verbessert  (Unterdachtrocknung, Laufstall, Melkstand), die Direktvermarktung aufgebaut,  mehr für die Bewirtung der Gäste in der gemütlichen Wirtsstube und auf der Terrasse getan  und Zimmer für Übernachtungsgäste eingerichtet. Damit wurde ihr  Hof zum Vollerwerbsbetrieb ausgebaut. Hans Endreß konnte  seine Arbeitsstelle im Landschaftsbau aufgeben.
Heute weiden auf den 44 ha der Alpe 30 Milchkühe (Stalldurchschnitt: rund 6000 l) und bis zu 50 Jungtiere. Die „Sommer-Milch“(Rohmilch) verarbeitet die Familie auf der Alpe zu Bergkäse, Tilsiter (ein halbfester Schnittkäse), Romadur, Quark und etwas Butter. Zwei Söhne (35, 33) helfen mit in der Außenwirtschaft und beim Käsen. „Die sechs Monate auf der Alpe bedeuten für uns alle vollen Einsatz, eine Sieben-Tage-Woche“, sagt der Betriebsleiter.  

Mit dem Käse  beköstigt Eva Endreß und ihrer Helfer vor allem die zahlreichen Bergwanderer,  Mountain- Biker, Pkw- und Bus-Touristen. Viele kaufen auch Käse für zuhause ein. Das gesamte Sortiment und dazu Rindfleisch gibt es während des Winters auch ab Hof. Die Milch geht während dieser Zeit an die Sennerei-Genossenschaft Gunzesried. „Weil wir im Emmentaler-Gebiet keine Silage einsetzen und nur  Gras, Heu, Gras-Pellets und Getreideschrot füttern, bekamen wir 2013 mit 46 Cent/Liter einen etwas höheren Preis“, erklärt Endreß. Gedüngt werde nur mit wirtschaftseigenem Dünger.

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Joghurt aus Schafmilch für Feneberg.

Peter Mangold im Schafmelkstand

Peter Mangold (43) setzt ganz auf Schafe. Auf seinem Grünlandbetrieb in Sulzberg-Hofstetten liefern 120 Deutsche Milchschafe den Rohstoff, den er zusammen mit seiner Mutter Mathilde (84) in der kleinen hofeigenen Käserei zu Schaf-Joghurt und Schaf-Käse verarbeitet. Auch die Söhne Niklas (18), Anton (13) und Firmian (8) helfen mit.

 „Jedes Schaf gibt etwa 400 Liter Milch im Jahr“, erzählt der gelernte Industrie-Kaufmann  und Landwirtschaftsmeister. „Dazu ist diese Rasse frohwüchsig und bringt pro Jahr zwei Lämmer zur Welt“. Zwölf Mutterkühe und ihre Kälber dienen zum Nachweiden.
Etwa 90 Prozent seines Joghurts und Käses liefert Peter Mangold an die Firma Feneberg, der Rest an Reformhäuser, Käsegeschäfte oder Wiederverkäufer auf Wochenmärkten. Feneberg hat als regionaler Einzelhändler 80 Filialen im Umkreis von etwa 100 km um Kempten,  kaufe Lebensmittel überwiegend aus dieser Gegend und verkaufe sie unter der eigenen Marke „VON HIER Ökologisch kontrolliert. Feneberg“. Diese habe inzwischen im Allgäu einen Bekanntheitsgrad von über 90 Prozent. „Das ist für uns Erzeuger ein großer Vorteil“, betont Mangold, „denn wir liefern direkt an die Zentrale in Kempten und können so unsere Produkte ohne großen Einsatz beim Verkauf wie ab Hof oder auf dem Markt an den Mann bringen und weit streuen“.
Der Betrieb ist Mitglied beim Bioland- Verband, produziert also biologisch. Sein Joghurt und sein Käse kommen offenbar gut an. Im Allgäu gebe es eine gut betuchte Käuferschicht, die sich hochpreisige Ware leisten könne und Wert lege auf  biologisch erzeugte Produkte aus der Region. „Wichtig ist“, so Mangold, „dass wir transparent zeigen, wer was und wie und wo er es produziert“. Das könne der Verbraucher bei allen „Von Hier“- Lebensmitteln unter www.bio-mit-gesicht abfragen.
Die etwa sechs Monate alten Mastlämmer mit rund 40 kg Lebendgewicht liefert der clevere Allgäuer an eine Metzgerei, die zur Firma Feneberg gehört. “Dort werden sie zerlegt und die  Einzelteile an die Filialen sowie an die Basic-Supermärke nach München geliefert. Die alten Schafe verarbeitet für mich ein Metzger zu Wurst, zum Beispiel Ländjäger“, sagt er.
Auch die Mutterkühe und Kälber vermarktet Feneberg in den eigenen Lebensmittemärkten, aber auch Kaufland und an den Real-Markt Ritter in Kempten und München. Für Bio-Rindfleisch hat die Firma ein eigenes Programm im Rahmen der „Von hier“-Vermarktung.

 

Massagen bei Fr. Ammann

Daran beteiligt sich auch Fridolinde Ammann (58) im Ortsteil Untergschwend der Gemeinde Hindelang-Unterjoch. Auf ihrem Bioland-Betrieb mit 21 ha Grünland in 1000 m Höhe hält sie zehn Mutterkühe samt Nachwuchs. Für das Rindfleisch aus Freilandhaltung von Biobauern bekommt sie, wie Peter Mangold, von Feneberg einen guten Preis. Besonders honoriert werden Jungtiere bis zu einem Jahr.

 

 

 

 

 

 

Geschäftsführer Einsiedler: Erläuterungen zum Windpark Wildpoldsried
Tour auf die Alpspitz

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Die Windkraftanlage in Wildpoldsried wurde ebenfalls besichtigt.
Der „Windpapst“, Planer und Geschäftsführer Wendelin Einsiedler ist Bauer und „Motor“ der Energiegemeinde Wildpoldsried. Er fuhr mit uns zu einem Windrad mit 120 m Nabenhöhe und gab uns umfangreiche Erläuterungen.

11 Windräder sieht man von Weiten, wenn man Richtung Wildpoldsried schaut. 7 Anlagen davon stehen auf Wildpoldsrieder Flur. Im April 2000 gingen in Wildpoldsried die ersten zwei Windkraftanlagen in Betrieb, zwei weitere wurden im Winter 2001/2002 aufgestellt. Im Juni 2008 wurde die 5. Windkraftanlage offiziell eingeweiht und seit Oktober 2012 sind weitere zwei (2 x 2,3 MW - 138 m Nabenhöhe - Enercon) in Betrieb.

Die ersten fünf Anlagen – alle geplant durch Initiator Wendelin Einsiedler erzeugen im Jahr ca.12.000.000 kWh Strom. Nochmals die gleiche Menge wird von den beiden neuen Anlagen erwartet, die im
Oktober 2012 in Betrieb gingen. Der Gesamtverbrauch der Gemeinde Wildpoldsried liegt bei ca. 6.400.000 kWh. Durch mehrere Photovoltaik- und Biogasanlagen wird in der gemeine ein Mehrfaches des Eigenbedarfes an Strom erzeugt.

Die Finanzierung erfolgte zu ca 40 % aus Bürgerbeteiligung. Die Mindestbeteiligung ist 5 000 €  Die Beteiligung ist auf 25 000 € begrenzt. Nach ca. 10 Jahren ist die Beteiligung „eingefahren“ so Einsiedler. Die ersten zwei Windräder werden bald abgestellt. Sie treiben die Generatoren über ein Getriebe an und brauchen deshalb mehr Anschubkraft. Auch müssen die Getriebe ab und zu gewartet und repariert werden. Die neuen Windräder haben Direktantrieb und laufen schon bei geringerer Windstärke.

Unter dem laufenden Windrad konnte man ohne Anstrengungen die Ausführungen von Wendelin Einsiedler verstehen. Ein leises Brummen des Generators und der Stromanlage war zu hören. Erst auf Hinweis von Einsiedler konnte man auch helle Töne der laufenden Flügel vernehmen. Alle Teilnehmer waren sich einig, dass das Geschrei um Lautstärke und Schattenwurf eine unbegründete Behauptung der Windratgegner ist.

Die Gemeinde Wildpoldsried und seine Bürger stehen hinter dem Windpark. Die nächsten noch höheren Windräder sind bereits in Planung.

Am Sonntag wurde noch ein Ausflug mit der Gondelbahn auf die Alpspitz unternommen wobei einige Teilnehmer die Sommerrodelbahn zur Abfahrt nutzten.


Die Lehrfahrt wurde von der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) gefördert.